Er absolviert bereits die dritte Lehre und das im Alter von 46 Jahren. Im Jahr 1997 entschied er sich, in die Sportbranche einzusteigen: Patrik Sparr, Inhaber von Pais Sport, in einem etwas anderen Gespräch mit Denise Girardet, seiner Marketingverantwortlichen. Über lebenslanges Lernen, die Wichtigkeit von Lernenden und den Blick in die Zukunft.

Denise: Patrik, du scheinst das zu geniessen.

Patrik: Dass du nicht nur das Interview schreibst, sondern auch Teil davon bist? Auf jeden Fall!

Denise: In meinem Job bin ich eher im Hintergrund tätig und stelle andere Persönlichkeiten in den Vordergrund. Aber ich mag es, Neues auszuprobieren, deshalb habe ich deinem Vorschlag mit dem gegenseitigen Interview zugestimmt. Also fangen wir an! Ich stelle die erste Frage. Du hast mehrere Unternehmen, eine Familie, machst viel Sport und bist seit letztem Sommer auch noch ein Lernender. Langeweile kann nicht der Grund für deine Entscheidung zur Lehre gewesen sein.

Patrik: Du kennst sicher das Gefühl, etwas richtig gut zu können, aber zu wenig über die Zusammenhänge Bescheid zu wissen. Dieses Gefühl hatte ich bereits vor 25 Jahren als ich noch Hochbauzeichner war. Ich konnte Baupläne zeichnen, aber wusste im Detail nicht, was der Handwerker von mir braucht, um die gewünschten Ideen in die Wirklichkeit umzusetzen. Dieses «praktische Unwissen» hat mich damals dazu bewogen, eine Zusatzlehre als Maurer zu absolvieren. Das Gefühl der Unwissenheit plagte mich in den letzten Jahren auch immer wieder. Ich konnte unsere Kunden beim Kauf eines Bikes beraten, aber hatte nicht das Wissen und das Verständnis eines Bikemechanikers. Im letzten Sommer war ich erneut an diesem Punkt angekommen, weshalb ich meinen eigenen Lehrvertrag ausfüllte.

Denise: Das passt zu dir. Du hast deinen Lehrvertrag selber ausgefüllt, eingereicht und niemandem davon erzählt, bis du die Zusage vom Lehrlingsamt erhalten hast. Am Mittagstisch hast du deiner Familie erläutert, dass es bald nochmals einen Lernenden zu verpflegen gibt. Wie hat dein Umfeld reagiert?

Patrik: Meine Familie hat mit grossen Augen und einem Schmunzeln reagiert. Natürlich kam das Thema der Schulnoten sofort auf den Tisch. Meine Kinder möchten in Zukunft sehen, ob meine Noten den ihren entsprechen. Meine Mitschüler wussten am ersten Tag nicht genau wer ich bin: Ersatzlehrer oder Produktereferent. Nach der ersten Stunde nahmen sie mich in ihrer Klasse und auch in ihrer WhatsApp-Gruppe auf. Ansonsten möchten alle wissen, wer denn mein Zeugnis unterschreibt. Aber alle finden es beeindruckend, dass ich die Lehre in Angriff nahm.

Denise: Ich konnte mir ein paar Sprüche auch nicht verkneifen, aber verwundert hat es mich gar nicht. Ich weiss, dass du gerne im Detail Bescheid weisst. Ein sehr wertvolles Zeichen, das du deinen Mitarbeitenden gibst. Du setzt dich mit den täglichen Herausforderungen deines Teams auseinander und musst die internen Abläufe selber durchleben. So hast du gemerkt, dass jeder Bikemechaniker seinen eigenen Arbeitsplatz, sein persönliches Werkzeug und Internetverbindung braucht.

Patrik: Du drückst ja auch wieder die Schulbank. Nicht als Lernende, sondern als Studentin. Du absolvierst ein CAS in Digital Ethics. Was war deine Motivation?

Denise: Ich mag Neues, bin sehr interessiert und offen. Und ich lerne gerne dazu. Es gibt so viel Spannendes zu erfahren, ja zu lernen! Der technologische Wandel ist aber so rasant, dass wir gar nicht mit allem mithalten können. Und dabei verlieren wir oft Werte aus den Augen, die aber wichtig wären und die wir erhalten müssen. Kürzlich sagte Lajla Fetic, Project Manager der Ethik Algorithmen Bertelsmann Stiftung, an einer Veranstaltung: «Es ist nicht die Frage, was technisch möglich ist, sondern was ist gesellschaftlich wichtig?» Genau darum geht es. Unternehmen personalisieren Produkte, setzen intelligente Maschinen ein oder zeigen uns dynamische Preise aufgrund unseres Verhaltens an. Für den Nutzer ist dies aber oft nicht transparent. Automatisierte Entscheide können zu Diskriminierung, Benachteiligung wie auch zum Ausschluss führen. Wir müssen uns heute fragen: Welche digitalen Möglichkeiten möchten wir nutzen und auf welche verzichten wir? Unternehmen,
die sich den Chancen und Risiken ihres Handelns bewusst sind und werteorientiert handeln, werden künftig das Vertrauen geniessen.

Abgesehen vom Kursinhalt finde ich es immer sehr wertvoll, aus dem Berufsalltag auszubrechen, den Horizont zu erweitern, Inspiration und Futter fürs Gehirn zu holen. Wir haben einen coolen Drive in unserer Pionierklasse, den Austausch mit meinen Kolleginnen und Kollegen schätze ich sehr.

Patrik: Dein Berufsalltag ist auch etwas aussergewöhnlich. Du hast zwei Arbeitgeber in unterschiedlichen Branchen und von Firmen unterschiedlicher Grösse. Wie meisterst du das?

Denise: Geplant hatte ich das so nicht, aber wie du ja bereits weisst, bin ich offen und mag es, Neues auszuprobieren. Deshalb habe ich den Schritt vor sechs Jahren gewagt. Es hält meinen Geist frisch und ich werde weniger betriebsblind. Gerade in der Kommunikation ist das wichtig. Bei der Planung und Umsetzung von Projekten gehe ich im Kopf die Vorgehensweisen für beide Arbeitgeber durch. Obwohl es sich um unterschiedliche Branchen handelt, sind die Kundinnen und Kunden alles Menschen. Natürlich hat es nicht nur Vorteile, zwei Arbeitgeber zu haben. Vor und nach den Ferien muss ich alles doppelt vor- oder nachbearbeiten. Das ist anstrengend(er). Und es gibt Zeiten, in denen der Druck in beiden Jobs sehr hoch ist. Dafür kann ich sehr effizient und fokussiert arbeiten.

Wie bist du mit dem Druck umgegangen, als du und Isabelle vor 23 Jahren entscheiden musstet, ob ihr in die Sportbranche einsteigt und damit euren Beruf aufgeben würdet?

Patrik: Es war keine einfache Entscheidung, wir hatten vier Optionen: Wir mussten entscheiden zwischen dem Malergeschäft meines Vaters, einem Goldschmidgeschäft, dem Skimarkt des Schwiegervaters und dem Beruf des Hochbauzeichners. Als wir uns für den Skimarkt entschieden haben, gaben wir uns ein Jahr Zeit. Als wir gestartet sind, war der Umsatz im Sommer sehr schlecht. Der Umsatz war noch nie so tief. Es war ziemlich entmutigend und langweilig. Der Winter kam und hat unsere Leidenschaft geweckt. Es war sehr spannend und wir wussten: Wir bleiben!

Denise: Wie ist es für dich, mit der Ehefrau auch den Berufsalltag zu teilen? Ist das manchmal schwierig?

Patrik: Ich glaube, wenn du einen Partner oder eine Partnerin mit den gleichen Wertvorstellungen und Zielen hast, ist es bedeutend einfacher, täglich mehr als acht Stunden miteinander zu verbringen. Als unsere Kinder zur Welt kamen, war Isabelle mehr Zuhause und ich mehr im Geschäft. Sie hatte auch nicht den Druck, vor Ort sein zu müssen. Jetzt wo ich wieder in der Schule bin, ist sie öfter im Geschäft. Wir ergänzen uns gut und ich tausche mich oft mit ihr aus. Ich habe manchmal zu grosse Visionen und sie holt mich dann wieder auf den Boden. Als wir beispielsweise den Skimarkt übernommen haben, wollte sie keine Namensänderung. Sie fand es zu gewagt. Ich meinte aber, dass wir uns mit einem neutralen Namen besser entwickeln können. Wir bieten heute unseren Kunden Sporterlebnisse für alle vier Jahreszeiten an. Mit «Skimarkt» hätten wir uns auf den Winter eingeschränkt. Aber ich mag ja mutige Entscheidungen, sonst hätte ich dich nicht eingestellt! Du hast in diesen sechs Jahren ziemlich viel bewirkt und wir haben grosse Schritte gemacht. Damals warst du noch eine Exotin, mittlerweile haben bereits weitere Sportfachgeschäfte die Dringlichkeit erkannt und jemanden für die Marketing- und Kommunikationsaktivitäten eingestellt.

Denise: Wow, cool. Das ist grossartig!

Patrik: Am ersten Schultag hat der Lehrer übrigens eine Vorstellungsrunde gemacht. Dazu hat er von allen Betrieben der Lernenden die Website aufgerufen. Bei unserer Website ist er nicht mehr aus dem Staunen gekommen.
Mit deinem 20 %-Pensum hast du viele Aufgaben und du musstest einiges allein aufbauen. Wie hast du diesen Spagat geschafft?

Denise: Wie gesagt, ich hatte nicht geplant, ein 20 %-Pensum zu suchen. Aber ich bin der Meinung, dass auch kleine Unternehmen Unterstützung brauchen. Das Team macht einen super Job und ihr gebt euch viel Mühe. Wenn das nicht nach aussen getragen wird, werden kleinere Unternehmen untergehen. Es geht heute nicht mehr ohne (digitale) Kommunikation.
Wir haben in dieser Zeit viel voneinander gelernt. Was bedeutet lebenslanges Lernen für dich?

Patrik: Luxus, den ich mir leisten kann. Nicht jeden Tag die gleiche Maschine bedienen zu müssen und für meine Träume zu leben. Mir auch überhaupt die Zeit nehmen zu können, weil es mir das Team ermöglicht. Das wäre nicht in jedem Unternehmen möglich. Es ist bestimmt auch nicht für alle möglich, mit 46 noch eine Lehre zu absolvieren. Die finanziellen Voraussetzungen müssen auch stimmen. Ich finde es spannend, wie der Druck und die leichte Nervosität vor Prüfungen sich wieder gleich anfühlen wie damals. Mein erster Schultag im zweiten Lehrjahr startete mit einem Test. Ich war so richtig angespannt. Ein sehr spannendes Gefühl und ich habe es heute noch bei jeder Prüfung wieder. Ich bin zurück im Lehrlings(zeit)alter; lerne am Sonntag auf eine Prüfung hin, probiere alle Fragen korrekt zu beantworten und tausche mich nach dem Test mit meinen Mitschülern aus. Wenn ich eine Frage falsch beantwortet habe, welche ich eigentlich gelernt und gewusst habe, kann ich mich so richtig aufregen. Ein unglaublich schönes Gefühl, sich weiterbilden zu können, Neues zu erlernen und die Fähigkeiten zu verbessern.

Denise: Wie wichtig findest du es, Lernende im Betrieb auszubilden?

Patrik: Sehr wichtig! Wir hatten kürzlich gerade eine Diskussion in meiner Klasse. Über die Lehrlingslöhne und was ein Lernender kostet. Aber rein aus finanzieller Sicht darfst du dein Engagement als Lehrbetrieb gar nicht ansehen. Die Lernenden sind unsere künftigen Mitarbeitenden! Aktuell finde ich es auch schön, dass sogar unsere Lernende Laura eine Art Patin für unsere Mitschüler ist.

Denise: Was sind deine Pläne nach der Lehre? Wo siehst du Pais Sport in 15 Jahren?

Patrik: Ich suche mir eine feste Stelle in einem Sportfachgeschäft! Spass beiseite. Die Nachfolge von Pais Sport wird dann ein Thema sein. Ob diese eines unserer Kinder übernehmen wird, wird sich zeigen. Für meine Kinder soll dies aber keine Verpflichtung sein, sie dürfen  lernen und arbeiten, was ihnen gefällt. In acht Jahren werde ich sicher auch keine Beratung für Sportschuhe mehr machen. Das ist auch einer der Gründe, warum ich noch Velomech lernen wollte. Wenn du Mitte 55 bist, will niemand mehr von dir Laufschuhe verkauft bekommen. Das Feld überlasse ich dann gerne den Jungen. Als Velomech kann ich gut im Hintergrund werken. Zuletzt glaube ich, dass das stationäre Geschäft Bestand haben wird. Die Beratung von Spezialisten wird nach wie vor gefragt sein. Allerdings wird dafür auch eine entsprechende Gegenleistung erwartet.

Denise: Ich finde das ist ein passendes Schlusswort. Danke für das spannende Gespräch, mir hat es Spass gemacht.

Patrik: Das gebe ich gerne zurück. Danke für deinen Einsatz!

Über Patrik

Inhaber und Geschäftsführer von Pais Sport seit 2005. Am liebsten berät er seine Kunden oder ist mit den Händen tätig. Aktuell absolviert er eine Lehre als Bikemechaniker – es ist seine dritte Lehre.

Über Denise

Sie verantwortet die Kommunikation von Pais Sport seit 2014: von der Website über das PaisMagazin bis hin zum Newsletter und der Facebook- Seite. Aktuell absolviert sie das CAS in Digital Ethics.

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Denise Girardet

Im Marketing haben wir mit Denise einen Trumpf in der Hand. Nahezu jeden Wunsch, jede Anregung oder jede noch so utopische Idee von unserer Seite münzt sie in professionelle (digitale) Kommunikation um. Durch ihre Liebe zum Outdoorsport, hat sie eine enge Bindung zum kompletten Angebot und rundet unser Team deshalb perfekt ab.

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