Marcel Thoma ist der Inbegriff für Sport in der Stadt St.Gallen. Seit 2009 hat er leitende Funktionen im Bereich Sport der Stadt inne. Als passionierter Ausdauersportler merkt man, wie sehr ihm der Sport, vor allem aber auch die Sportförderung in der Stadt, am Herzen liegt. Das Interview mit dem 62-jährigen Sportfan war so spannend, es hätte noch Stunden dauern können.

 

Zu Beginn eine banale Frage: Wie sieht ein Tag als «Leiter Sport» der Stadt St.Gallen aus?
Den Tag beginne ich um 05:00 Uhr mit aktivem Sport. Eine Runde Jogging um die Häuser oder auf der nahe gelegenen Leichtathletikanlage im Neudorf. Danach ist mein Tag mit Besprechungen mit Vertretern aus Politik oder Sport gefüllt. Zum meinem Job gehören auch Besuche von Sportevents, was mir grossen Spass bereitet.

Wie sah dein Werdegang bis zu deiner jetzigen Tätigkeit aus? 
Vom Programmierer und Senior Analyst bei Swissair wechselte ich 1987 zur Stadtpolizei St.Gallen. Bis 2009 war ich dort in verschiedenen Funktionen tätig. Schliesslich war ich von 2009 bis 2017 Leiter des Sportamtes der Stadt St.Gallen. Und heute bin ich Leiter der Dienststelle Sport.

Wie schaffst du einen Ausgleich zu deinem ­beruflichen Alltag?
In der Regel mit aktivem Sport. Sei es Laufen, Skifahren oder Wandern. Der Frühsport gibt mir die geforderte Gelassenheit für den Arbeitsalltag. Aber auch der passive Sport und das Leiten einer Trainingsgruppe geben mir viel Kraft und Zufriedenheit.

Die Gemeinden gelten neben den Vereinen als wichtigste Sportförderer. Wie sehr siehst du die Stadt dabei in der Pflicht?
Die Gemeinden gehören tatsächlich zu den wichtigsten Sportförderer. Nicht nur für den Spitzensport, vor allem auch für den Breitensport und die allgemeine Bewegung. Die Stadt sollte eine kundenfreundliche Infrastrukturanbieterin sein. Zudem unterstützen wir die Jugendarbeit beim gebundenen Sport und sind ein Bindeglied zum Kanton. Als Hauptaufgabe sehe ich natürlich auch das Ermöglichen und Unterstützen von Sportveranstaltungen.

Wo besteht deiner Meinung nach noch Potenzial in der Sportförderung?
Der Bund unterstützt den Bau von Sportanlagen von nationaler Bedeutung (NASAK) mit sehr bescheidenen Mitteln. Alle fünf Jahre investiert er ca. CHF 90 Mio. Eigentlich müsste dieser Betrag CHF 900 Mio. sein. Die grosse Mehrheit der Sportverbände macht gute Nachwuchsarbeit. Hier engagiert sich Swiss Olympic sehr stark und erfolgreich.

Wie können Sportfachhändler in die Förderung einbezogen werden?
Aus meiner Sicht ein schwieriges Unterfangen. Am ehesten durch Sponsoring oder Materialabgaben. Wenn sich Sporthändler auf einzelne Sportarten beschränken, ist das immer sehr stark erklärungsbedürftig (z.B. bei der Schneesport-Initiative). Vielleicht könnten Sporthändler eine konzertierte Unterstützung der sogenannten Randsportarten angehen? Die Frage, was denn eine Randsportart ist, ist aber schwierig zu beantworten.

Marcel Thoma mit Medaille

Mir als Mountainbiker fehlen in der Stadt die offiziellen Angebote. Man hat manchmal fast das Gefühl, die Mountainbiker seien nicht ­erwünscht, obwohl unsere Umgebung dies­bezüglich grosses Potenzial hätte. Wie sehen hier die Ziele aus?
Die Stadt St.Gallen bekennt sich zum ungebundenen Sport, zu dem auch das Mountainbiking gehört. In der Stadt St.Gallen hat es nur einen offiziellen und bewilligten Trail – dieser ist auf Grundstücken der Ortsbürgergemeinde angelegt (Waldegg-Trail). Ersteller und Unterhalter ist der Verein FunPark St.Gallen, mit Unterstützung der Ortsbürgergemeinde und der Stadt St.Gallen. Aktuell laufen gerade Abklärungen, wie es im Kanton St.Gallen (gemeindeübergreifend) und insbesondere auch in der Stadt St.Gallen mit dem MTB weiter gehen soll. Der Bau eines Trails und insbesondere dessen Unterhalt lösen Aufwände aus, die im Vergleich zu den Geländebahnen (Finnenbahnen) sehr viel kostspieliger und folglich auch herausfordernder sind.

Müssten nicht alle Sportanlagen, vor allem Leichtathletikanlagen (LA) oder Fussballplätze, für die Bevölkerung jederzeit zugänglich sein?
Die LA Neudorf musste nur während der allerersten Phase der Pandemie aufgrund der Bundesvorgaben vor­übergehend gesperrt werden. Seit knapp 1 ½ Jahren ist sie wieder fast uneingeschränkt nutzbar – auch für Individualsportler:innen. Wenn Vereine eine ordentliche Belegung haben, geniessen diese einen Vorrang, weil sie für diese Belegung bezahlen. Das gilt übrigens auch für das Beachvolleyballfeld beim AZSG.
Bei den Fussballfeldern besteht die Herausforderung darin, dass der Rasen immer und immer wieder Zeit braucht, damit das Wachstum des Grüns sichergestellt werden kann. Deshalb braucht es halt wirklich ziemlich oft und konsequent Platzsperrungen. Dies ist nicht ­allen Sportbegeisterten bewusst.

Teamanass 2020

Worin liegt die Schwierigkeit, allen Sportarten oder Vereinen gerecht zu werden?
Auch mit der grösstmöglichen Objektivität passieren auch uns Subjektivitäten, die dann durch Sportler:innen, die sich benachteiligt fühlen, moniert werden. Ich kann aber versichern, dass die überwiegende Mehrheit der im Sport tätigen städtischen Mitarbeitenden einen hohen Anspruch an sich selbst hat, möglichst fair und ausgewogen Sport ermöglichen zu helfen.

Fehlt es in der Stadt an Sportstätten?
Ja, wir haben zum Beispiel zu wenig Dreifachturnhallen, insbesondere für den Vereins- und Leistungssport. Gerade tagsüber, wenn alle unsere Hallen durch die Schulen und den Schulsport belegt sind. Auch Rasenspielfelder fehlen uns in der Stadt. Dies hemmt leider die Entwicklung insbesondere im Frauenfussball. Und dann fehlen eben auch Angebote für den ungebundenen Sport wie Bike-Trails, Pumptracks und dergleichen.

Steht manchmal auch die Bevölkerung im Weg?
Da ist leider schon etwas dran. Wir haben immer wieder mit Einsprachen zu kämpfen. Meine Aufgabe ist es dann zu erklären, dass Projekte auch für den Breitensport oder für die allgemeine Bewegung gut sind.

 

«Sport ist nicht nur Leistungssport, sondern Bewegung im Allgemeinen.»

Kommen wir auf Sportanlässe zu sprechen. Mit den Special Olympics kommt ein grosser Anlass in die Ostschweiz. Wie wichtig ist dieser Anlass für den Standort St.Gallen?
Die Stadt ermöglicht gerne Sportgrossanlässe. Diese müssen aber zu St.Gallen passen; sie dürfen nicht zu gross sein oder Sportarten betreffen, die hier nicht verankert sind. Eine Rad-WM passt deshalb meines Erachtens nicht nach St.Gallen, genauso wenig wie beispielsweise auch eine Eishockey-WM. Mit der Valida und ihren Sportgruppen sind wir bei den Special Olympics aber eine nationale Grösse und deshalb passen die National Summer Games 2022 wunderbar nach St.Gallen. Gerade auch deshalb, weil wir uns auf die Fahne geschrieben haben, den Sport für das Thema Inklusion zu nutzen. Die Inklusion war auch mit ein Grund, weshalb wir uns aktiv für die Durchführung des Internationalen Helvetia U16 Cups im August 2022 in St.Gallen engagiert haben. Mit diesen beiden Anlässen erhoffen wir uns eine nationale Kenntnisnahme. Die beiden Anlässe sind für uns sehr, sehr wichtig.

Trotz dieses grossen Events haben in der Vergangenheit viele Grossanlässe den Weg nach St.Gallen nicht gefunden. Woran liegt das?
Meines Erachtens waren es nicht viele. Es ist uns nicht gelungen, das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest 2025 nach St.Gallen zu holen. Eine nachträgliche, persönliche Auswertung der letzten vier Vergaben im ESV hat mir gezeigt, dass jedes Mal der kleinere Bewerber und derjenige, der noch nie zum Zuge gekommen ist, den Zuschlag erhalten hat. Vor diesem Hintergrund hätten wir eigentlich gar nicht kandidieren müssen.
Bei der Beachvolleyball-EM haben wir in der letzten Runde gegen Biel verloren. Zwei Gründe, die zu unseren Ungunsten ausgefallen sind, waren die fehlende Nähe zum See und das Manko eines finanzstarken Sponsors (Biels Partner war Swatch!).

Welches ist dein Wunsch-Sportanlass für St.Gallen?
Einen eigentlichen Wunschanlass kann ich nicht nennen. Aber ich habe eine riesengrosse Freude, dass wir einerseits mit dem CSIO St.Gallen Jahr für Jahr den einzigen Swiss Topsports Anlass der Ostschweiz in unserem Reitstadion Gründenmoos beheimaten dürfen und andererseits, dass wir heuer nach den beiden schon erwähnten Grossanlässen auch noch den Start der Gasballon Langdistanz Weltmeisterschaft (Gordon Bennett) und die Euro Floorball Tour der besten vier Nationen (SWE, FIN, CZE, SUI) der Herren- und der U19-Nationalmannschaften Anfang September in St.Gallen begrüssen dürfen.

 

Gigathlon Davos

Was war für dich das bedeutendste Projekt, welches du realisieren konntest?
Ich möchte nicht ein einzelnes Projekt nennen. Im Baubereich durfte ich mithelfen, dass z. B. die Tennishalle Rotmonten, die Curlinghalle im Lerchenfeld, das Boulo­drome an der Werkstrasse, der Waldegg-Trail, und einige andere realisiert werden konnten. Und im Sportveranstaltungsbereich gibt es viele sehr erlebnisreiche Veranstaltungen, bei welchen ich mich einbringen durfte – angefangen vom Auffahrtslauf, dem Stadtlauf, den Curling Europameisterschaften, den Cricketturnieren bis hin zur Kandidatur der Seilzieh-WM 2029.

Welches Projekt steht momentan ganz oben auf der Prioritätenliste?
Momentan ist die Sanierung des Hallenbades Blumenwies das grösste Projekt. Mit CHF 47 Mio. muss das in die Jahre gekommene Hallenbad erneuert werden. Seit Jahren ist das Blumenwies ein beliebter Ort für das Schulschwimmen – auch für Kinder aus den stadtnahen Gemeinden.

 

«Das mag für den einen oder anderen utopisch wirken, aber ich glaube daran: In zehn Jahren werden wir im Gründenmoos eine national ausstrahlende Sportinfrastruktur haben, bei welcher zahlreiche nationale Sportverbände Leistungszentren/Kompetenzzentren betreiben werden.»

 

Das Sportfeld Gründenmoos wird eine Ergänzung zu den städtischen Sportinfrastrukturen und zur neuen OLMA-Halle 1 sein. Es wird Möglichkeiten schaffen, sich weiterhin als Sportstadt zu profilieren und in eine neue Dimension von Grossanlässen vorstossen zu können.

 

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Marius Geiger

Vom Banker zum Studenten in Sportmanagement und Praktikanten bei PAIS Sport. Nach 15 Jahren hat sich Marius entschieden, die Finanzbranche für sein Hobby aufzugeben. Nicht nur mutig, sondern auch visionär. Dank seinem Flair für Kunden, seiner Leidenschaft zum Sport und seiner Fotogenität ist er bei uns vielseitig einsetzbar. Auch seine Berufserfahrung und die humorvolle, sympathische Art ist ein Gewinn für die PAIS Familie.

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