Pais Sport
Das Sportfachgeschäft in St.Gallen für Ski, Velo, Wandern und Laufen. Bodenständig und authentisch. So beraten wir seit 2005.

Wenn die Chemie unserer Umwelt hilft

Text: Denise Girardet

Kein Bike, keine Ski und keine Outdoorjacke funktionieren ohne Chemie. Und ohne Chemie gäbe es auch bluesign technologies (bluesign) nicht. Die Firma sorgt dafür, dass der Herstellungsprozess von Outdoorausrüstungen bei Produktionsfabriken ökologisch wird und bleibt. Wir erklären, wie viel die Outdoorbranche bereits dafür macht und wie wir dank Chemie Wasser und Energie sparen. Im Gespräch mit Peter Waeber, Gründer von bluesign, und seiner Frau Christine.

Warum ist es so wichtig, dass alle Prozesse der Produktion frei von schädlichen Stoffen sind? Sehr simpel gesagt: Wir schonen damit die Umwelt und schützen die Fabrikarbeiter vor schädlichen Chemikalien sowie am Ende auch den Konsumenten. Holen wir aber etwas weiter aus. Da heute in der Schweiz und Europa die Textilproduktion viel zu teuer wäre, hat die Textilindustrie ihre Produktionsstandorte mehrheitlich nach  Asien verlagert. Dort gibt es kaum Gesetze, die Umwelt und Menschen schützen. Es wird unnötig viel Wasser bei der Herstellung verbraucht, zu viel Energie verschwendet, die Arbeiter werden nicht genügend geschützt und schädliche Chemikalien gelangen in die Gewässer. Damit das nicht passiert, muss der ganze Herstellungsprozess eines Produktes unter die Lupe genommen werden. Und da kommt bluesign technologies ins Spiel.

Peter, die Arbeit von bluesign ist komplex. Wie lässt sie sich in einfachen Worten erklären?
Wir arbeiten für diverse Marken wie Mammut, Schöffel, adidas, Salomon oder G-Star* in deren Herstellungskette. Unsere Aufgabe ist es, die Produktionsprozesse jeden Zulieferers ökologisch anzupassen. Wir kennen die Herkunft jedes Fadens, Knopfes, Stoffes, Klebers oder Reissverschlusses. Wir überwachen die Einfärbung der Stoffe und den Produktionsprozess. Und wir schauen, dass die Arbeiter in den Fabriken vor schädlichen Chemikalien geschützt sind. Unser Ziel ist es, dass ein Produkt wie gesagt ökologisch hergestellt wird, dabei aber keine Abstriche in Qualität, Aussehen oder Leistung gemacht werden, was geradefür die Outdoorbranche sehr wichtig ist. Die Regenjacke von Mammut soll also ökologisch produziert werden und natürlich nach wie vor wasserabweisend und atmungsaktiv sein.

*Eine detaillierte Liste aller bluesign-Systempartner ist auf der Website von bluesign zu finden.

Dank Chemie könnt ihr die Herstellungsprozesse sauber halten. Tönt eigenartig, denn Chemie löst vielfach negative Assoziationen aus.
Das stimmt. Jeder glaubt, dass wir möglichst wenig Chemie verwenden sollten. Aber unsere Welt funktioniert nicht ohne Chemie. Der Computer läuft dank Chemie, das Velo funktioniert mit Chemie. Ja, unsere Kläranlage funktioniert nur mit Chemie. Wir müssen den Blickwinkel ändern. Wenn wir mit Chemie arbeiten, sind zwei Dinge wichtig. Erstens dürfen wir nur die „gute“ Substanzen verwenden und zweitens muss das „Rundherum“ ökologisch sein. Wenn wir beispielsweise bei der Produktion mit Chemikalien arbeiten, müssen diese korrekt entsorgt und recycelt werden. Wenn die Fabriken das verschmutzte Wasser einfach in den nächstgelegenen Fluss leiten, ist das natürlich schädlich. Wir müssen verstehen, dass gute Chemie verbunden mit einem ökologischen Produktionsprozess unsere Natur nachhaltig schützt. Chemie kann auch dazu beitragen, dass ein Produkt viel langlebiger ist und dies wirkt sich positiv auf den Lebenszyklus eines Produktes aus.

Die Liste der Marken, die sich für eine nachhaltige Produktion einsetzen, ist lang. bluesign hat über 80 Outdoormarken als Partner. Die „Fast Fashion“-Branche (kurzlebige Mode zu Dumpingpreisen) hat leider kein Interesse daran, die Produktionsprozesse ihrer Fabriken in Asien nachhaltig zu bewirtschaften. Das Einsparpotenzial von Wasser, Energie und schädlichen Chemikalien wäre hier aber enorm. Unternehmen aus der Fast-Fashion-Branche benötigen mehr als 300 Liter Wasser pro Kilogramm Textilprodukt. Ein Kilogramm Outdoorkleidung hingegen benötigt im Durchschnitt 166 Liter Wasser für die Produktion. Pro Kilogramm sind das 134 Liter Wasser, die man einsparen könnte.

Wieso ist es denn so schwer, Fabriken umzurüsten? Können die Marken keinen Druck ausüben?
Nur bedingt. Für uns scheint natürlich eine internationale Outdoormarke sehr gross zu sein, man kann deren Produkte ja fast weltweit kaufen. Deshalb meinen wir beispielsweise für adidas sei es kein Problem,  ökologische Herstellungsprozesse zu verlangen. Fakt ist aber, dass adidas in gewissen Firmen nur 2 bis 3 % des Produktionsvolumens einer Fabrik ausmacht. Ein kleiner Fisch also. adidas ist übrigens unter den Top 3 der nachhaltigsten Outdoormarken.
Der Aufwand, eine Fabrik von unserem bluesign-System zu überzeugen, ist gewaltig. Wenn wir aber mit einer Fabrik zusammenarbeiten, profitieren natürlich alle weiteren Marken, die in dieser Fabrik produzieren. Es ist von grosser Bedeutung, dass nicht nur die Marken und Zulieferer Druck ausüben, sondern die Konsumenten selbst. Je mehr auch die Konsumenten nachhaltige Produktionsprozesse fordern, desto mehr steigt der Druck auf die Fabriken. Und die Marken haben mit den Konsumenten im Rücken mehr Macht und können so eher Einfluss nehmen.
Die Outdoorindustrie ist Vorreiter für eine nachhaltige Produktion in Asien. Rund 100 von 250 Herstellern fehlen uns aber noch. Aber das allergrösste Potenzial hat die Fast Fashion: Wenn diese Branche an ökologischen Herstellungsprozessen interessiert wäre, könnten wir den weltweiten Wasserverbrauch enorm senken.

Bluesign hat sich klare Ziele gesetzt und mit deren Instrumente sind folgende Zahlen realistisch:

  1. 50% weniger Wasser
  2. 30% weniger Energie
  3. 15% weniger Chemie

Über 45 Billionen Liter Wasser könnten bei den Outdoorherstellern noch eingespart werden mit obigen Zielen. Nicht auszumalen wie hoch die Zahlen im Fast-Fashion-Bereich wären. Gleichzeitig ist die Textilindustrie aber der zweitgrösste Wasserverschmutzer (Anmerkung der Redaktion: Die Erdölindustrie verschmutzt am meisten Wasser). Wenn wir den Verbrauch halbieren und gleichzeitig die Verschmutzung auf ein Minimum reduzieren könnten, würden wir sehr viel Gutes für unsere Umwelt tun.

Wie geht das nun genau, wenn eine Outdoormarke die Prozesse „ihrer“ Fabrik anpassen möchte?
Wir beginnen bei der Marke selbst und zuerst gibt es ein sogenanntes Brand Assessment. Die Marke beantwortet eine Reihe von Fragen. Sie beurteilt sich quasi selber. Dann besprechen wir die Antworten mit der Marke. Ganz wichtig: Alle Entscheidungsträger müssen an diesem Tisch sitzen. Der CEO, der Finanzchef, der Einkäufer, der Marketingchef… Denn die Marke muss fähig sein, Entscheidungen zu treffen die nachhaltig auch für ihr Unternehmen ist. Dann wird gemeinsam entschieden, in welchem Bereich die Marke ihren Fokus zu Beginn legt. Beispielsweise kann man sagen, wir optimieren alle unsere Färbungsprozesse, alle Textilien für Kinder oder Textilien, die wir auf der Haut tragen. Dieses Assessment dauert in der Regel bis zu 18 Tagen und umfasst sämtliche Prozesse im Unternehmen (Management, Einkauf, Design, Produktion, Finanzen etc.).

Die grosse Herausforderung der Marken und schliesslich für bluesign: Die Herstellungsprozesse aller Zulieferer im Detail zu kennen. Das beginnt beim Lieferanten für die Rohchemikalien, beim Chemiehändler, und beim Lieferanten für das Rohmaterial. Dann geht es weiter zu den Textilfaserproduzenten, den Webern, den Färbern. Zum Schluss sind wir bei der Weiterverarbeitung und den Nähereien, von wo die Produkte dann zur Handelsfirma, den Outdoormarken und schliesslich zu den Händlern im Geschäft gelangen.  Es müssen sowohl Zulieferer für die Textilien wie auch für die Chemikalien überprüft werden. Es gilt: Nur wer seinen Herstellungsprozess kennt, kann ihn auch ökologisch machen.

Was prüft bluesign vor Ort beim Textilhersteller?
Die erste Analyse dauert ungefähr drei Monate. Wir untersuchen,was gut ist und was nicht. Unser System berücksichtigt die Herstellungsprozesse als Ganzes. Dementsprechend werden die eingesetzten Rohmaterialien und Prozesse gründlich geprüft – inklusive der Abwassersituation und der Abluft. Ziel ist es, dass umwelt- und gesundheitsgefährdende Substanzen gar nicht erst Eingang in den Fertigungszyklus finden, sondern schon zuvor vermieden werden.
Wenn wir wissen, wo die Herstellung noch nicht ökologisch ist und welche Chemikalien schädlich sind, erstellen wir einen Massnahmenkatalog. Diesen umzusetzen dauert in der Regel sechs bis neun Monate. Wurde alles befolgt, ist eine Produktionsfirma nach rund einem Jahr bluesign-zertifiziert. Die Zertifizierung bleibt aber nicht einfach bestehen. Beispielsweise muss für jedes neue Produkt in der Produktion eine Meldung an uns erfolgen. Nach drei Jahren verlangen wir alle Daten eines Produktionsjahres. Welche Chemikalien und Rohstoffe sind im Einsatz, wie viel Wasser wird verbraucht? Von einem Jahr deshalb, weil es saisonal sehr starke Schwankungen gibt und wir dadurch einen guten Durchschnittswert erhalten. Wenn wir alles erneut geprüft haben, erstellen wir einen Report. Eigentlich eher ein Buch, denn wir kennen jedes Kilo Chemie, das die Fabrik einsetzt.

Apropos Chemie: Zur Herstellung von einem Kilogramm Textilien wird zwischen 500 Gramm und 1 Kilogramm Chemie benötigt. Gerade deshalb liegt der Fokus von bluesign vor allem auf dem verbesserten Einsatz von chemischen Stoffen. In der Regel werden bei bluesign rund 900 kritische Chemikalien überprüft. bluesign ist weltweit die einzige Firma, die eine solche Analyse durchführen kann. Neben den Chemikalien auf der schwarzen Liste gibt es rund 7500 gute Substanzen.bluesign sieht ihre Arbeit mit den Marken als Systempartnerschaft an. Denn die Marken können eine nachhaltige Produktion nicht selbst einführen. Ein systematisches Vorgehen ist dazu nötig. Neben sehr viel Wissen verfügt die Firma bluesign über umfassendes Textilwissen, kennt die unterschiedlichsten Chemikalien und deren Zusammenspiel im Herstellungsprozess. Unabdingbar, um eine geringstmögliche Umweltbelastung, ressourcenschonende Fertigung sowie ein sicheres Umfeld für Arbeitnehmer zu gewähren.

Dank der Arbeit von bluesign werden viel Wasser und Energie eingespart und Prozesse optimiert. Wer trägt die Kosten für die Umrüstung?
Nicht nur der Hersteller bezahlt. Den Nutzen hat die Marke wie auch der Konsument, deshalb bezahlt jeder etwas. Grosse Hersteller können jährlich beispielsweise bis zu 5 Millionen CHF einsparen. Wo mit viel Wasser produziert wird, gibt es auch grosse Einsparungsmöglichkeiten, was  die Kosten für die ökologische Umrüstung wieder wettmacht.

Asien wird öfters mit Korruption in Verbindung gebracht. Wie stellt bluesign die unabhängige Zertifizierung sicher?
Die Textilfirma unterschreibt einen Vertrag mit uns. Natürlich kann mal ein Fehler passieren. Versucht jemand falsch zu spielen, wird er aber umgehend ausgeschlossen.
Ausserdem gelten für unsere Auditoren strenge Richtlinien. Wir arbeiten wie eine NGO. Um jeglicher Korruption entgegenzuwirken, dürfen sich unsere Mitarbeitenden weder zum Essen einladen noch am Flughafen abholen lassen. Wir sind auf loyales und hochqualifiziertes Personal angewiesen. Die Einführung eines Mitarbeitenden als Prüfer dauert über ein Jahr und wird von eigenen Leuten übernommen. Wir verzichten bewusst auf Auditoren von Dritten.


Die Idee zur Gründung von bluesign kam 1997. Eine weltbekannte Marke hatte einen Zwischenfall mit einem Giftstoff. Peter hat sich gefragt, was er tun könnte, um Marken vor solchen Vorkommnissen zu schützen.
Die Gesetze für Abluft und Wasserqualität sind nirgends strenger als in der Schweiz. Wie kann man also ein System entwickeln, bei dem jede Firma die gleichen Gesetze erfüllen muss – egal, in welchem Land sich die Firma befindet? Ein hoher Anspruch, der damals den Grundstein für die Gründung von bluesign und dessen Zertifizierungsprozess legte.

bluesign tut Gutes. Wieso kennen viele bluesign trotzdem nicht?

Wir haben die besten Chemiker und Ingenieure, aber keine Ahnung von Marketing (lacht). Wir sind sehr gut in dem, was wir für unsere Kunden tun. Bis anhin war aber intern weder das Marketingwissen noch die Zeit vorhanden, um im grossen Stil auf das Problem in den Fabriken und bei deren Zulieferketten in Asien aufmerksam zu machen.

Dann haben wir ja mit diesem Artikel einen ersten Schritt getan.


Sie fragen sich jetzt, was Sie tun können? Wenn Sie diesen Artikel gelesen haben, ist uns das schon viel wert. Und wenn Sie noch mehr tun möchten: Sprechen Sie mit Ihrer Familie und Freunden darüber. Die Arbeit von bluesign verdient es, bekannter zu werden. Und wenn Sie das nächste Mal bei Pais Sport oder in einem Sportfachgeschäft einkaufen, schauen Sie mal die Etiketten genauer an. Wir sind davon überzeugt, dass Ihnen bluesign auf einmal auffällt.

Probleme in der Zulieferkette

  • Unbekannte Herkunftsquellen
  • Keine oder beschränkte chemische Daten
  • Keine umwelttoxikologischen Daten
  • Kein Risikomanagement
  • Beschränktes Chemiewissen
  • Fehlende Überwachung der Chemiesubstanzen
  • Keine Nachverfolgbarkeit
  • Keine (stetigen) Verbesserungen

Über Peter und Christine Waeber

Als gelernter Chemieingenieur hat Peter bei diversen Textilfirmen wie Schoeller oder Nike gearbeitet. Christine ist Quereinsteigerin in der Chemie- und Textilbranche. Sie kommt ursprünglich aus der Wirtschaft. bluesign technologies wurde im Jahr 2000 mit Sitz in der Schweiz von Peter gegründet und beschäftigt heute über 70 Mitarbeitende in Europa, Asien und den USA. Der Hauptsitz ist in St.Gallen. Ende Dezember 2016 sind Peter und Christine Waeber in ihren wohlverdienten Ruhestand getreten. Das Unternehmen wird von Jill Dumain (ehemals Patagonia) weitergeführt.