Pais Sport
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Vom Weingut ins Hotel und auf den Berg

Vor 20 Jahren war er der Mittelsmann für den ersten Wein-Webshop in ganz Europa. Und wenn er nicht gerade zu einem Winzer in den Keller steigt, dann ist er in den Bergen. Weit weg von der Zivilisation. Jan Martel, Geschäftsführer von Martel AG, gibt uns Einblick in seine Welt und erzählt, warum Wein degustieren einem Marathon gleicht.

Text: Denise Girardet

Jan Martel degustiert jährlich ein paar Tausend Weine.

1997: Das Internet ist für viele noch ein Fremdwort und Jan Martel Student an der Fachhochschule St. Gallen. Für den Aufbau eines Webshops wurde damals eine Firma in einer traditionell tätigen Branche gesucht. Jan schlug der Hochschule St. Gallen das Familienunternehmen seines Vaters – die Martel AG – vor. Der Erfolg des Shops liess zunächst auf sich warten. Den ersten Umsatz hatten Computerfreaks generiert, die die Funktionsweise testen wollten. Vor 20 Jahren kritisch beobachtet, ist der Onlineshop heute ein wichtiger und zunehmender Verkaufskanal von Martel. Und doch hat das Unternehmen vor einem Jahr einen dritten Standort in Zürich eröffnet. Ein Widerspruch? Keineswegs. Denn für Jan gibt es nur eine Welt, die des Weins. Sie ist voller Emotionen, die man spüren und erleben muss. Einen Begegnungsort kann er nur mit dem stationären Geschäftn schaffen.

«Wir haben Weine, die andere nicht haben. Und in den Augen meiner Mitarbeiter sehe ich die Begeisterung für unser Produkte.»

Eine Geschichte hinter jeder Flasche

Rund 3500 Weinanbieter gibt es in der Schweiz. Wein ist ein Massenprodukt, das an jeder Tankstelle zu kaufen
ist. Nicht so die Weine von Martel. Ihr hochwertiges Sortiment von Handwerker-Weinen macht die Firma zum Nischenanbieter. Aus allen grossen Weinregionen sucht sie «ihre» Qualitätsweine heraus. Weine, die eine
Geschichte erzählen. «Wir haben Weine, die andere nicht haben. Und in den Augen meiner Mitarbeiter
sehe ich die Begeisterung für unsere Produkte.» Jan hat erkannt, dass es für den Erfolg nicht nur ein gutes
Produkt, sondern auch ein gutes Team braucht.

Der Händedruck muss überzeugen

Eine Million Weinflaschen stehen im Lager in St. Gallen. Die besten Weingüter beliefern Martel. 250 sind es insgesamt und im Schnitt kommen jährlich zehn neue dazu. Wie kommt eine Zusammenarbeit mit einem Weingut zustande und wann schafft es ein Wein ins Regal? Die Auswahl eines Winzers gleicht manchmal der Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Wenn die Mitarbeitenden nicht selbst auf Entdeckungsreise sind, bewerben sich die Weingüter für die Aufnahme als Lieferant. Dafür reicht aber nicht nur ein guter Jahrgang eines Weins. Von Trends lässt sich Martel sowieso nicht leiten. Für Jan und sein Team muss die Philosophie stimmen, denn die Zusammenarbeit soll über Jahre dauern.

«Wenn das Flackern des Winzers in den Augen fehlt oder der Händedruck nicht überzeugt, dann hat die Zusammenarbeit keine Zukunft.»

Jan Martel mit Lorenza Sebasti zwischen den Reben vom Weingut Castello di Ama.

Ist das Team vom Wein überzeugt, beginnt die Reise. Der Besuch des Weinguts vor Ort ist entscheidend. «Wenn das Flackern des Winzers in den Augen fehlt oder der Händedruck nicht überzeugt, dann hat die Zusammenarbeit keine Zukunft», so Jan. Nach intensiven Verhandlungen, manchmal hitzigen Diskussionen im Team und strategischen Entscheidungen schaffen es jährlich ungefähr 10 neue Weingüter auf die Lieferantenliste von Martel. Dieser Auswahlprozess kann Wochen, Monate oder sogar mehrere Jahre dauern. Übrigens vergehen vom Wachstum der Trauben über die Gärung und den Ausbau des Weines mehrere Jahre bis der Wein im Regal zum Verkauf bereit ist.

Der (gute) Schweizer Wein

Die Qualität des Schweizer Weins, über die Jahre als Fusel verpönt, hat sich sehr positiv entwickelt. Die Technik und das Wissen der Weinbauern haben zugenommen. Ein Generationenwechsel in vielen Weinbetrieben der Schweiz hat dafür gesorgt, dass die Ansprüche der Produzenten an den Weinanbau stiegen. Die jüngere Generation übernahm von den traditionell Arbeitenden. Die Schweiz ist so ein attraktives Weinland geworden. Die wichtigsten Produktionsländer Schweiz, Italien, Spanien und Frankreich machen 80 % des Umsatzes von Martel aus.

Der neue Standort von Martel am Bellevue.

Mal Krawatte, mal Wanderschuhe

Jan hat wie alle Geschäftsführer eines KMU viele verschiedene Aufgaben. Da er aber mit den unterschiedlichsten
Personen zusammenarbeitet, schlüpft er manchmal in ganz unterschiedliche Rollen. Wenn er Hotels und Restaurants in der Schweiz zu ihrer Weinkarte berät, steht er dem Hotelier mit Anzug und Krawatte gegenüber. Steigt er aber zu einem Weinbauer in den Keller oder besichtigt er die Reben, ist er mit Wanderschuhen und Jeans ausgerüstet. Jan schlüpft gerne in beide Rollen und keine möchte er missen.

Wein degustieren gleicht einem Marathon

Jan Martel degustiert jährlich ein paar Tausend Weine. Wein degustieren wird oft als schwierig wahrgenommen. Jan verneint, bevor er dann doch ein Aber hinzufügt «Wein zu degustieren und zu beurteilen, ist relativ simpel. Der Wein wird nüchtern, sachlich, ohne ausschweifende und blumige Wortspiele bewertet. Diese Beurteilung muss man sich einprägen, um sie später wieder abrufen zu können. Erst so lassen sich die Weine untereinander vergleichen. Es ist also eine reine Trainingssache, wie bei einem Marathon.» Jeder, der also Geduld und Lust hat, dies zu erlernen, wird erfolgreich sein.

Die Berge, ein magischer Ort

Jan auf dem Weg zum Piz Bernina Biancograt 4049 Meter über Meer.

Apropos Marathon. Die sieben Churfirsten wandernd erlaufen oder mal kurz den Säntis morgens um 3.00 Uhr erklimmen, so lüftet Jan seinen Kopf und tankt Energie. Am liebsten in den Bergen auf einer Hochtour oder kletternd. Mit Martina Hingis wurde er übrigens Ostschweizer Meister im Tennis. Kein Wunder ist Sport im Leben von Jan fest verankert. Letztes Jahr hat er mit Freunden den Piz Bernina Biancograt bestiegen. In schwindelerregender Höhe auf 4049 Metern über Meer geht es dort auf einem sehr schmalen Grat zum Gipfel. Wer Jan zuhört, spürt seine wahre Begeisterung. Seine Augen leuchten und man merkt, dass er seine Passion gefunden hat. Im Sport und im Wein. Ein magischer Ort kann jener sein, an dem man mit Freunden ein Glas Wein geniesst. Oder nach einer Hochtour auf dem Gipfel steht. Beides sind emotionale Erlebnisse, die man spüren und wahrnehmen muss. Und die glücklich machen.